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Seydel
Seit dem 17. Jahrhundert übten die in Sachsenberg-Georgenthal wahlangesiedelten Seydels den schweren Beruf des Bergmannes aus.
Als 1830 der Bergbau im sächsischen Vogtland eingestellt wird, ergreifen die Brüder Johann Christian Seydel und Christian August Seydel als erste in der Familie den Beruf des Instrumentenbauers. Beide werden amtlich bestätigte Mundharmonikamacher. In einer, vom Gericht in Untersachsenberg am 27. Oktober 1847 ausgestellten Urkunde, ist auch die Gründung der Firma Seydel festgeschrieben und als Firmengründer Christian August Seydel eingetragen. Am Fuß des berühmten Aschberges im sächsichen Städtchen Klingenthal entsteht die  Mundharmonika-Fabrik, die im Laufe der kommenden Jahrzehnte zu einer der größten in Sachsen werden sollte. 1882 stirbt C.A. Seydel und sein Sohn Richard übernimmt die Geschäfte. Ein Jahr später tritt Richard's Bruder Moritz als Miteigentümer in die Firma ein und fortan firmiert das Unternehmen unter 'C.A. Seydel Söhne'.

Seit dem Jahr 1910 ist Richard Seydel alleiniger Firmeninhaber. Seine Söhne und sein Schwiegersohn, Hugo Bischoffberger, stehen ihm zur Seite und übernehmen nach dem Ersten Weltkrieg, der praktisch alle Handelsverbindungen zerstört hat, gemeinsam die Unternehmensführung. Der Kampf um die Absatzmärkte beginnt fast wieder bei Null. Er führt zum Erfolg: 800 Fabrik- und Heimarbeiter arbeiteten damals für Seydel. 1925 stirbt der Seniorchef Richard Seydel. Es folgen schwere Zeiten für die heimatliche Instrumentenindustrie. Diese gipfeln in den Jahren 1929/30. Auch das Überleben des Familienunternehmens der Seydels hängt am berühmten seidenen Faden und zwingt zur Fusion mit drei ortsansässigen Betrieben in eine AG, die sich jedoch schnell wieder auflöst. Nach 1931 bessern sich die wirtschaftlichen Verhältnisse langsam, aber entscheidend. Ein neuer Unternehmensaufschwung erfolgt. Die wachsende Belegschaft signalisiert den sichtbaren Aufschwung und Ausbau. In dieser Zeit wird auch die rechts gezeigte Boomerang zum Verkaufsschlager.

Nach Ausbruch des Krieges wird Hugo Bischoffsberger zur Armee eingezogen. Zwei Frauen bringen die Firma während dieser Zeit über die Runden: Seit 1939 von Margarete Seydel und Hedwig Bischoffberger geleitet, übersteht der Betrieb auch diese Zeit. Hedwig war schon vor dem Krieg lange Jahre im Betrieb und die rechte Hand des Chefs. Als einziges Artefakt aus dieser Zeit haben wir eine Verpackung des Kriegsgutes "Mundharmonika" gefunden, wie sie oben abgebildet ist.

1947 feiert der Betrieb ein stolzes Ereignis: 100 Jahre Seydel Mundharmonikas. Kurz darauf wird die Teilung Deutschlands in Ost und West für die beiden Unternehmerfamilien zur harten Realität: Unter der Sowjetischen Besatzung wird Seydel zum Treuhandbetrieb erklärt, dann 1949 Werk 5 der  VEB Harmonikawerke und schließlich - 1953 VEB Vermona.  Großserienfertigung einiger weniger Modelle bestimmte jahrzehntelang den Alltag in dem VEB.
Oft wurden die Instrumente nach Gewicht, also Containerweise geliefert. Bis zu 400 Menschen arbeiten in der alten Fabrik am Fuß des Aschbergs. In den 50er Jahren wird die Produktionsstätte um einen Anbau in der heutigen Robert-Koch-Str. 1 erweitert. In diesem Bau befindet sich heute die Produktion. Viele der Modelle wurden damals sehr  billig produziert - so konnte man zum Beispiel eine Jazz Melody Harmonika für 1 Ostmark kaufen.

Nach 40 Jahren und der wiedererlangten Deutschen Einheit schreibt die Politik erneut die Geschichte der Firma: Seit dem 1.Juli 1991 ist die Mundharmonikafabrik wieder im Familienbesitz von Seydel und Bischoffberger. Mit den vorhandenen Werkzeugen wird die Prokuktion wieder aufgenommen und durch die in den 90er Jahren in den Osten fließenden Aufbaugelder findet eine grundlegende Sanierung der neueren Fabrikanlagen statt. Dennoch schrumpft die Belegschaft wegen des weggebrochenen Marktes im Osten kontinuierlich. Obwohl die Geschäfte schlecht gehen geschieht bei Seydel Ungewöhnliches: Betriebsleiter Karl Pucholt erkennt, dass die Chancen der jungen 'alten' Firma in den Nischenmärkten liegen, welche die etablierte Westkonkurrenz übersieht.

Pucholt entwickelt einen neuen Kunststoffkanzellenkörper, wunderbar ergonomische Schalldeckenformen und lässt Stimmplatten produzieren, die weit über eine Oktave tiefer gehen, als es das bisherige Tonspektrum der einfachen Diatonischen Mundharmonika zuließ. Seydel besetzt die erste Nische! Eine weitere Entwicklung entsteht aus der Not der zeitweiligen Unterbeschäftigung: Man hat plötzlich Zeit, Sonderstimmungen auf Kundenwunsch zu realisieren. Eine weitere konkurrenzlose Leistung. Der Ruf der Firma beginnt vor allem in Spielerkreisen um sich zu greifen und die Nachfrage steigt. Leider zu spät. Im November 2004 ist die Firma zahlungsunfähig.

Nachdem im November2004 die Zahlungsunfähigkeit der alten Traditionsfirma C.A. Seydel aus Klingenthal bekannt geworden war hätten nicht viele auch nur einen Cent auf das Fortbestehen des Betriebes gewettet. Buchstäblich in letzter Sekunde fanden sich als Investoren die Musikenthusiasten von Niama Media. Alle waren beeindruckt vom Durchhaltewillen einer Belegschaft, die ihrer Firma, trotz monatelang ausbleibender Lohnzahlung, die Treue hielt. Auch die Erhaltung der fast 160-jährigen Geschichte der Firma und die Schaffung von Beschäftigungsimpulsen für die schwache Infrastruktur der Klingenthaler Gemeinde begünstigte den Entschluss aller an der Investorengruppe beteiligten, hier eine Produktionsstätte für Mundharmonikas zu fördern, welche in Zukunft zu den besten der Welt gehören soll. Geschäftsführer ist seit dieser Zeit der Diplom-Betriebswirt Lars Seifert aus Klingenthal-Zwota.

Im Vordergrund der weiteren Aktivitäten steht das Retooling der Produktionsstätten entsprechend der Weiterentwicklung, wie sie bereits begonnen wurde.
Die Möglichkeit, sich Custom-Stimmungen beliebiger Tonzusammensetzungen individuell fertigen zu lassen soll ausgebaut werden und das Produktspektrum wird konsequent auf den gehobenen Anspruch hin entwickelt. Dazu wird ein effizienter Vertrieb aufgebaut, der dafür sorgt, dass das neue Motto der Firma Wirklichkeit wird...